Was sind Worte wert, solange sie nur Gedanken bleiben?

Meine ganz eigene 2-Monats-Challenge, um das Schreiben von profanen Texten zu etablieren

Nicht jeder Text muss ein absoluter Knaller sein, jedenfalls dann nicht, wenn durch diesen Anspruch gar nichts entsteht und alle Worte in meinem Kopf stecken bleiben. Also werde ich acht Wochen lang jeden Tag einen kurzen (ca. 150 Wörter langen) Text schreiben. Nicht editieren, nicht groß darüber nachdenken, es einfach eine Selbstverständlichkeit werden lassen, mich mitzuteilen und damit eine Schreibroutine etablieren.

Tag 1: 16.01.26

#Ambiguitätstoleranz

Ja, krass, das ist also der Start meiner 8 Wochen-Challenge: Jeden Tag einen kleinen Text zu schreiben. Was soll daran herausfordernd sein? Ich schreibe, also bin ich. Ich schreibe eigentlich jeden Tag. Aber trotzdem schaffe ich es nicht, all das, was mir täglich durch den Kopf geht, festzuhalten.

Warum sollte ich das überhaupt wollen? Weil ich glaube, dass es für manche leute spannend sein könnte. Sich wiederzuerkennen. Einen Perspektivwechsel zu kriegen. Eine positive Weltsicht spüren in diesem Wirrwarr.

Viel dreht sich bei mir um Ambiguitätstoleranz. Eines meiner Lieblingswörter. Es auszuhalten, dass scheinbare Widersprüche gleichzeitig wahr sein können – oder zumindest Bestand haben dürfen. Oder das genaue Gegenteil: Dass es gar keine erkennbare Wahrheit gibt, dass es manchmal einfach ums Hinnehmen geht. Nicht ums Positionieren, Lösen, für sich Proklamieren.

Puh, was für ein Scheiß-Text schon wieder… Wen juckt’s? Mal die Worte zählen, so rund 150 waren ausgemacht. Haha, hundertfünfundvierzig, super, Mission erfüllt.

Tag 2: 17.01.26

#Existenzrecht

Heute morgen plötzliche Erkenntnis beim Duschen:

Ich habe ein Anrecht darauf, zu existieren.

Auch in materieller Hinsicht.

Brauche mir also keinen Kopf mehr deswegen zu machen oder mich irgendjemandem gegenüber schlecht oder bedürftig fühlen.

Wie spannend, dass wir seit so langer Zeit schon als Realität anerkennen und ganz freiwillig aufrecht erhalten, was genau genommen nur eine Illusion ist:

Wer hätte denn das Recht Land, Rohstoffe, Wohnraum o.ä. anderen gegen Geld zur Verfügung stellen, ganz so, als würde es ihm gehören?

Ist es nicht vielmehr so, dass alles allen gehört, bzw. anders ausgedrückt, keinem nichts von all dem?

Diese Erkenntnis braucht kein (politisches) Umsetzungsprinzip, das bloße Bewusstsein dafür hat eine solche Veränderungskraft.

(Nö, das sind keine 150 Wörter).

Tag 3: 18.01.26

#Schreibblockade

Ich kann ja nicht mehr tun, als aufzuschreiben, was mir wichtig ist.

Bedeutung gibt die*der Lesende. Ich kann diese nicht vorwegnehmen, kann auch nicht kontrollieren, wie der Text ankommt oder bei wem – und wenn ich mir noch so viel Mühe beim Formulieren gebe. 

Den Wunsch danach anerkennen, weil Kontrolle Sicherheit verspricht. 

Auf so vielen Ebenen habe ich das Warum und das Wie schon durchdrungen. Alles im Griff zu haben, die Kontrolle darüber zu behalten, was passieren könnte, sollte mich schützen. Vor Verletzung, vor Zurückweisung, vor der Auslöschung. Wenn mich niemand erkennt, bin ich dann überhaupt?

Und jetzt taucht das Muster wieder auf, beim Schreiben.

Ja, verdammt, es besteht die Möglichkeit, dass meine Worte Projektion, Missverständnis oder Unverständnis erzeugen. Das alles wollte ich vermeiden, wollte mich absichern, erklären – aber so funktioniert Schreiben nicht.

Die Frage ist also: Traue ich mich, wirklich das zu schreiben, was ich sehe? 

Also, wieder mal, loslassen, fallenlassen, in eine neue Herausforderung, über deren Ausgang ich keine Kontrolle habe… Nur eines weiß ich: Ich bin, weil ich mich immer klarer sehen und annehmen kann. Und darüber will ich schreiben.

Schreiben, ohne mich verletzlich zu machen, geht ja gar nicht oder wäre sinnlos.

Tag 4: 19.01.26

#Selbstannahme

Als ich damit begonnen habe, meine Prägungen und inneren Überzeugungen genauer unter die Lupe zu nehmen, zeigte sich schnell ein großes Thema. Ein tiefsitzendes Gefühl der Einsamkeit, offensichtlich gekoppelt an die Überzeugung „Ich bin ein Nichts. Niemand interessiert sich für mich, niemanden kümmert es, ob ich da bin.“ 

Schon in einer der ersten Sessions während meiner Ausbildung versank ich – von der Ausbilderin gehalten – in diesem bodenlosen, schwarzen Nichts, in unendlicher Traurigkeit und tiefsitzendem Schmerz. 

Als ich ganz unten angekommen war (tiefer oder schmerzhafter ging nicht), zeigte sich ein inneres Bild, das mir seit dem viel Kraft gibt: Aus dem tiefen Schwarz wurde ein gebärmutterartiges Rot und daraus formte sich ein Samenkorn. 

Ich spürte diese Worte als Gewissheit in meinem Körper: „Wenn ich ein Nichts bin, kann ich alles sein. Wenn da niemand ist, den es interessiert, gibt es auch niemanden, der mich zurückhalten könnte.“ 

Seitdem sind mehr als fünf Jahre vergangen und ich habe mich dieser existenziellen Angst auf vielen verschiedenen Ebenen gestellt, sie immer wieder durchfühlt und bin jedesmal gestärkt daraus zurückgekommen. 

Die Auslöser waren ganz unterschiedlich, führten mich aber immer wieder zur Angst vor meiner Nichtexistenz, weil da niemand war, der mich als die erkannte, die ich bin. 

Mittlerweile denke ich, dass ich mich lange selbst nicht sehen konnte und deshalb so sehr im Außen gesucht habe.

Deshalb war ich letzte Woche recht erstaunt, als das Thema ganz unvermittelt wieder Raum stand.

„Ich kann echt nicht erkennen, worum es dir eigentlich geht“, war die Aussage, die mich zunächst nicht mal groß irritierte. 

Aber irgendwie wirkte sie unbewusst weiter. Am nächsten Tag machte ich mich an meine Website, an den Angebotstext, um der Sache auf den Grund zu gehen. 

Nach eingehender Prüfung musste ich feststellen: Eigentlich sage ich sehr klar, worum es mir geht. Der Inner Adventure Trip entspricht vielleicht nicht den gängigen Erwartungen, es gibt keine Heilsversprechen, keine Schmerzpunkt-Trigger, kein AI-optimiertes Marketing, aber genau das ist gewollt.

Je länger ich an der Seite arbeitete (und Chat GPT gegenchecken und analysieren ließ), desto unzufriedener wurde ich. Richtig wütend war ich am Schluss, so dass die AI nach zahlreichen wüsten Beschimpfungen meinerseits abbrach. Und ich mich fragte: „Woher kommt bloß diese Wut? Diese Hilflosigkeit?“ 

Eine kurze Klopfsession später war mir klar: Die ehrliche Aussage hatte genau meinen alten Schmerz getroffen. 

Niemand sieht mich, selbst Menschen, die relativ gut mitkriegen, was sich bei mir tut, haben kein klares Bild davon. Ich bin ganz alleine, habe keine Unterstützung – und jetzt will mich selbst diese verf… AI auch nur in ihren Durchschnittsmatsch quetschen und kommt mir mit generischer (haha, wer hätte es gedacht) Scheiße. 

Es war, als musste sich mein Körper einfach nur kurz erinnern, um wieder die Sicherheit zu spüren: 

Es geht nicht darum, von anderen gesehen zu werden. Und es geht auch nicht um mein Angebot. Ich hatte in der Hoffnung auf Sicherheit durch ein planbares Einkommen das Entscheidende aus den Augen verloren: bei mir zu bleiben, auch wenn es viel Vertrauen & Geduld erfordert.

Ich muss nichts liefern, kein ‚Produkt‘ parat haben, für das ich immer wieder in eine Logik zurückkehren muss, die ich ja gerade überwinden will. Ich bin dankbar und erleichtert.

Innere Arbeit verläuft spiralförmig. Und diese Angst ist Teil meines Seins. Die Erinnerung an diesen Schmerz wird vielleicht nie ganz weggehen. Aber sie bestimmt nicht mehr mein Handeln.

Tag 5: 20.01.26

#backtoreality

„Brief, Päckchen, Paket, Container?“ Jahrelang fragte ich beim Heimkommen nach der Schule so ganz erwartungsvoll, um gleich zu erfahren, ob durch eine Postsendung auf wundersame Weise etwas magic mein Leben kommen würde. 

Eigentlich hörte diese Erwartung auf postalische Entrückung erst auf, als ich selbst für das Leeren des Briefkastens verantwortlich wurde und statt der erhofften Liebesbriefe oder Gewinnbenachrichtigungen in schöner Regelmäßigkeit nur Rechnungen vorzufinden waren.

Hej, mittlerweile bin ich 54 Jahre alt und bin immer noch jeden Tag für eine next-level wundersame Fügung bereit. Zugegeben, für meinen Geschmack passieren sie viel zu selten, aber das Leben wäre viel zu langweilig, wenn ich nicht ein bisschen magic mit einplanen würde…

Als ich gekündigt habe, war der Deal (mit mir? mit dem Leben?), dass ich weiterhin jedes Jahr in den Faschingsferien mit meinem Mäusemädchen dem Winter entfliehen kann. Die letzten drei Jahre war diese eine Woche auf La Gomera unser Highlight und die Insel ist mein absoluter Kraftort. 

Eine 1a-magic-Beweis-Chance quasi auch, auf dem Silbertablett.

Obwohl das Konto leer ist, hatte ich im Herbst vorsichtshalber immer mal nach Flügen geschaut, die aber übermäßig teuer oder von den Flugzeiten total bescheuert waren. Der Trost war dann so; „Ja gut, geht halt auch irgendwie nicht dieses Jahr.“

Ende letzter Woche hatte ich recht unvermittelt eine krasse Hochphase und wurde richtig übermütig. Ich wollte raus, merkte, wie ich Sonne und Veränderung, einen Lichtblick, brauchte. Also habe ich nochmal Flüge gecheckt… Und siehe da, anders als vermutet, waren noch Flüge buchbar und zwar günstiger als bisher.

Also habe ich direkt per Mail bei der Finca angefragt, ob so kurzfristig noch was frei wäre. Spannung, ewig keine Antwort.

Gerade kam die Mail: Ja, tatsächlich, wider Erwarten gäbe es noch eine Unterkunft für uns.

Jetzt ist mir kotzübel schlecht. Ich wäre so bereit für unser Faschings-Wunder!

Tag 6: 21.01.26

#scheiße

Ich bin hin- und hergerissen. Es ist schon Abend und ich habe heute nichts geschrieben. Und ich habe auch keinen Bock drauf. Ich habe eine scheiß Laune heute. Zumindest jetzt gerade. Nicht mehr ganz so schlimm wie vorhin, aber auf jeden Fall schlecht genug, um nicht darüber schreiben zu wollen.

Davon abgesehen, dass ich meine Tage habe, hängt es glaube ich mit meiner enttäuschten Wunder-Erwartung zusammen. Gestern schrieb ich ja über den La Gomera-Urlaub, auf den ich so gehofft hatte und der dieses Jahr nichts wird. Das mag wie ein Luxus-Problem klingen, ist ja aber nur die Spitze des Eisbergs. Und selbst wenn nicht: mein Scheiß-Problem ist mein Scheiß-Problem, ganz egal, ob es anderen viel schlechter geht. Was soll das Relativieren immer?! Das ist so eine Scheiß-Vermeidungs- oder Beschwichtigungsstrategie von Leuten, die sich nicht mit ihrem eigenen Scheiß auseinandersetzen wollen. 

Ok, ist noch ein bisschen Scheiß übrig oder reicht das für heute? Jetzt zum Eisberg: Das Wunder-Ding hat nicht nur den Urlaub verfehlt, sondern meine ganze Zukunftsplanung. Also eher: Hingabe ans Leben als bewusste Zielsetzung. Erweist sich mein naives Vertrauen jetzt als Blase, die platzt, und mich am Boden der Tatsachen zerstört (oder zumindest finanziell ruiniert) zurücklässt, statt mich zu erheben?

Oder ist das Vertrauen gerechtfertigt, nur meine Erwartungen nicht angebracht? Das könnte halt auch sein, dass ich mir selbst ein Bein stelle, weil ich denke, so und so müsste es laufen, wenn es liefe. Dabei ist das ja keine Hingabe und kein Vertrauen, sondern mal wieder Kontrollausübung vom Feinsten.

Ich lasse es mal so stehen.