Rumsitzen und denken, wie doof gerade alles ist? ‚To sit with your feelings‘ impliziert sowas in diese Richtung vielleicht?
Nein, das meine ich damit nicht. Es geht ja gerade darum, aus dem Denken, aus dem Kopf, rauszukommen.
Ein Gefühl ist ja nur dann ein Gefühl, wenn man es fühlt. Sonst bleibt es ein Gedanke.
Carolin Weise
Es ist zwar schon auch wichtig und hilfreich, die Gedanken zu sortieren, zum Beispiel beim Journaling oder beim darüber Sprechen. Der nächste Schritt zu echter Integration für mich ist dann aber, in den Körper zu gehen.
Sicherer Rahmen
Ich glaube, alles, was es dafür braucht, ist eine ‚sichere‘ Umgebung. Also, nicht für deinen Verstand sicher, sondern für dein Nervensystem – das sind manchmal zwei Paar Stiefel…
Das kann ein Ritual sein, mit dem du dich wohlfühlst, weil es dein Nervensystem reguliert und den nötigen Abstand schafft. Es kann eine andere Person sein, die ‚den Raum hält‘. Das ist zwar eine leicht abgedroschene, aber irgendwie auch schwer ersetzbare Formulierung dafür, dass jemand einen sicheren Rahmen schafft, der es dir ermöglicht, loszulassen. Der deinem inneren Wächter signalisiert, dass er Entwarnung geben kann. Dass er sich zurückziehen kann und dass sich alles, was sonst sorgsam verschlossen bleiben muss, weil es sonst gefährlich werden könnte, ungehindert in dir bewegen darf. Und dann kann auch was davon an die Oberfläche ploppen.
Face you fears
Wenn ich von „dich deinen Ängsten stellen“ spreche, adressiere ich damit nicht Angstpatient*innen. Es geht meist nicht um offensichtliche Ängste oder gar Panik (hierfür muss ich dich an geeignete Therapeut*innen verweisen). Das verzwickte ist ja, dass sich unsere tiefsten Ängste meist gar nicht auf dem Silbertablett präsentieren, sondern sich hinter allen möglichen anderen Gefühlen verstecken: beliebt sind Wut oder Trauer, je nachdem, was für dich als Kind sicherer war.
Wenn du dich also tierisch über etwas aufregst, richtig darüber in Rage gerätst (und dich vielleicht selbst schon über die scheinbare Unverhältnismäßigkeit wunderst), könnte dahinter z.B. Hilflosigkeit stecken. Die ja auch wieder nur eine Angst vor Kontrollverlust ist.
Mein Tool für mich: Klopfakupunktur
Ok, zurück in die Körperin. Ich merke also, vielleicht beim Schreiben, dass mich etwas bedrückt, irritiert, wütend macht. Meine eigene, für mich bewährte Methode, mein Nervensystem zu regulieren, ist das Klopfen. Ich nehme dabei die EFT-Reihenfolge, aber ohne Aktivierung oder ähnliches vorher. Es ist mir persönlich im Übrigen ganz egal, was dahinter steckt, welche Meridiane beteiligt sind und ob das überhaupt funktionieren kann. Ich WEISS, dass es mir hilft, dabeizubleiben. Du findest im Internet aber zahlreiche Abhandlungen darüber, falls es dich näher interessiert.
Sobald der Guard die Waffen runternimmt, öffnet sich ein kleiner Türspalt zu einem Kämmerchen in dir – und je nachdem, wie sicher du dich fühlst, kann Licht auf dir bisher unbewusste Themen fallen.
Words are my medicine
Bei mir will der Verstand immer mit beteiligt sein, deshalb braucht es für mich Worte. Ich klopfe also und spreche alles aus, was mir durch den Kopf geht. Ich klopfe beim Sprechen keine Affirmationen, wie oft vorgeschlagen wird, sondern alles, was mir gerade durch den Kopf geht – ungeschönt, das ist wichtig.
Oft fängt es mit wüsten Beschimpfungen an, beim Sprechen merke ich dann schon intuitiv, in welche Richtung es geht und ‚rede mich hinein‘. Ein Treffer ist es meist dann, wenn ich anfange zu weinen, alles aus mir herauszubrechen scheint.
Aus dem Kopf in den Körper
Mittlerweile spüre ich beim Klopfen dann schnell, dass die Themen an bestimmten Stellen im Körper sitzen, meist im Brust-, Nacken- und Schulterbereich. Also klopfe ich intuitiv auch diese Stellen.
Teilweise spüre ich einen echten Würgereiz und weiß dann, dass da jetzt ein großer Brocken rausmuss. Dabei bewege ich mich intuitiv, schüttele mich, krümme mich am Boden, was immer sich gerade passend anfühlt. Alles fließt, es gibt keinen Filter, niemand, dem ich es recht machen muss, auf den ich Rücksicht nehmen müsste, keine Tabus.
Manchmal staune ich selbst, was ich da so sage. Die Worte scheinen woanders herzukommen. Manchmal sehe ich auch Bilder, vielleicht irgendwelche Verwandte, Vorfahren… Dann gehe ich dieser Spur nach, spreche sie an, frage, ob es etwas gibt, das gesehen werden möchte.
Oft erschließen sich dann Zusammenhänge, die so ausformuliert schon gar keinen Sinn mehr zu ergeben scheinen. Aber ich WEISS hinter einfach, dass ein Knoten geplatzt ist.
Mit der Welle gehen
So eine Session ist wie eine große Welle, die sich erst aufbaut, sich dann überschlägt und wieder abebbt. Und so beruhigen sich auch die Gefühle wieder, Trauer, Wut, Verzweiflung ebben ab. Ohne, dass ich es bewusst veranlasse, ändert sich die Richtung. Es formen sich Worte der Dankbarkeit, der Wertschätzung.
Am Ende spüre ich Erleichterung, Liebe, Verbindung. Und weiß, dass ich meinem Selbst wieder einen großen Schritt näher gekommen bin.
Ja, also, das ist es, was für mich ‚to sit with my feelings‘ bedeutet. Es ist ganz und gar kein passiver Zustand. Es ist innere Arbeit, innere Bewegung, Hingabe an den Prozess, Vertrauen darauf, dass ich mich selbst halten kann (oder gehalten werde).
PS: In den Sessions, die ich anbiete, schaffe ich den sicheren Rahmen durch meine Präsenz. Melde dich gerne, wenn du es mal ausprobieren möchtest.