Egal wo man gerade hinschaut, geht es um Heilung.
Dabei bin ich überzeugt:
Nichts von dem, was uns im Laufe unseres Lebens zustößt, von anderen angetan wird oder von uns selbst verursacht wird, nimmt uns unseren Wert als Menschen, unsere Würde.
Mit anderen Worten, ich mag nicht von Verletzungen sprechen (die eine Heilung ja erst nötig machten). Meine Haltung dem Leben gegenüber ist nicht defizitorientiert oder pathologisierend.
Und ich stelle die Behauptung auf, bei unserem Wunsch nach Heilung geht es in Wirklichkeit um unser Bedürfnis nach Integrität.
Wir sind von Geburt an integer und nichts oder niemand kann uns diese Integrität nehmen. Was auch immer uns im Leben begegnet, sind für mich Erfahrungen.
Dass wir uns als verletzt betrachten und nicht als integer, uns also nicht als ‚ganz‘ oder ‚vollständig‘ empfinden, liegt m.E. daran, dass wir aufgrund dessen, was wir über das Leben gelernt haben, einzelne Anteile in uns abspalten oder verdrängen (müssen).
Meist mit dem Ergebnis, dass wir sie auf andere projizieren, die wir als Verursacher sehen und in denen wir diese Anteile vielleicht sogar bekämpfen.
Mit ein Grund für dieses Weltbild ist möglicherweise die in unserer christlich geprägten Kultur vorherrschende Annahme, dass wir sündig, also unvollkommen, geboren werden und im Leben ständig geprüft werden.
Auch wenn dieses christliche Dogma den wenigsten heute noch bewusst ist (oder aktiv geglaubt wird), hat dieses Denken nach wie vor Auswirkung auf die Strukturen, die heute unsere Realität bestimmen.
Lebt nicht z.B. der Kapitalismus von der Überzeugung, dass wir uns nur mehr (und wenns nicht reicht, noch mehr) anstrengen müssen, um Erlösung (in Form von materiellem Erfolg) zu erfahren?
Und existieren nicht ganze Industriezweige lediglich aufgrund unseres beharrlichen Bemühens, unsere körperliche ‚Unvollkommenheit‘ zu überwinden?
Wie viele Scham- und Schuldgefühle resultieren aus dieser (unbewussten) Überzeugung, dass der ‚Ist-Zustand‘ niemals gut genug ist?
Wie viel Energie verschwenden wir darauf, einen Erlösungs-Zustand zu erreichen, den es so gar nicht geben kann?
Unserem Streben nach Heilung im Sinne von Vollkommenheit (auch vollkommenen Glücks), stelle ich das Bedürfnis nach Integrität gegenüber.
Während Vollkommenheit die Vorstellung von ‚ohne Makel‘, von Perfektion vermittelt, im Grunde also den Anspruch nach Fehlerlosigkeit, steht Integrität für innere Stimmigkeit, für Unversehrtheit, fürs Ganzsein.
Aber was hat das jetzt mit der Sehnsucht nach Heilung zu tun, bzw. warum sträube ich mich dagegen, diesen Begriff im Hinblick auf die Zielsetzung innerer Arbeit zu verwenden?
Weil damit meinem Empfinden nach der Eindruck vermittelt wird, etwas in uns sei kaputt, krank oder mangelhaft.
Gleichzeitig erkenne ich an, dass in dieser Heilungsvorstellung eine wohlige Sehnsucht nach Heimkommen, danach, Geborgenheit zu erfahren, liegt.
Wenn ich von Integrität spreche, geht es mir darum, mich so, wie ich bin, als ‚ganz‘ und ‚unversehrt‘ wahrzunehmen und zu erkennen, dass dieser Zustand nie angetastet wurde. Es braucht kein Erinnern, kein Zurück, es ist alles längst da.
Wie denkst du über den ‚Heilungsbegriff‘? Findest du ihn nützlich? Kennst du die Sehnsucht danach? Und was lösen meine Gedanken in dir aus?