Die Misogynie der anderen

Die Liste der Skandale der letzten Zeit ist leider lang: P. Diddy, Pelicot, Epstein… Jetzt sorgt der Fall Ulmen/ Fernandes in Deutschland für große Aufregung.

Obwohl vielen mittlerweile klar ist, dass all diese Ungeheuerlichkeiten Symptome eines weit größeren Problems sind, nämlich tiefverwurzelter misogyner Strukturen in unserer Gesellschaft, sind die Reaktionen oft erstaunlich einseitig und blenden aus, dass diese Strukturen uns alle geprägt haben – und folglich auch wir alle an der Überwindung mitwirken müssen.

Hier schreibe ich darüber, warum mir einige Beiträge (und viele Kommentare dazu) echt Bauchschmerzen bereiten, auch wenn ich den Ansatz dahinter gut nachvollziehen kann.

Kleiner Plausch unter Nachbarn – oder Misogynie im Alltag?

Neulich hatte sich ein junger Hund selbstständig gemacht und war neugierig auf mich zugekommen, obwohl er eigentlich nach Hause sollte. Sein Herrchen bat mich, ihn festzuhalten, mit den Worten: „Das ist eine Frau, die will mich ärgern!“ 

Hahaha. Häh?!

Das einzige, was ich auf die Schnelle rausbrachte, war ein gespielt-empörtes „Niemals! Hihi.“ 

Zack, war die Situation auch schon vorbei, ich ging weiter und frage mich seitdem, was ich hätte erwidern können. Sollen. Müssen?

Reaktionen auf den Fall Ulmen/ Fernandes

Die Überleitung zum Fall Ulmen/ Fernandes ist jetzt zugegeben ein bisschen holprig. Ich habe den Aufmacher gestern [19.03.26] auf Spiegel-Online gesehen und dann direkt auf Instagram die ersten reflexartigen Stellungnahmen dazu gelesen.

Ja, auch mein erster Gedanke war: Oh mein Gott, wie weit will unsere Gesellschaft noch sinken?!  Das ist so perfide, so abgründig, dass es dafür keine Erklärung oder Entschuldigung geben kann.

Ich konnte das schwarze Loch spüren, das sich unter einem auftun muss, wenn einem das vom eigenen Mann angetan wird. Was für ein Alptraum für Collien Fernandes, was für ein Schlag ins Gesicht aller Frauen. Wie kann es sein, dass so etwas überhaupt (technisch&menschlich) möglich ist? 

Zuerst war ich erleichtert, dass die Kommentare in meiner Bubble überwiegend Solidarität für Frau Fernandes zum Ausdruck brachten, Anerkennung und Dankbarkeit für ihren Mut. Es gab aber auch Kommentare und Beiträge, die ein heftiges Rumoren in mir auslösten und auf die ich hier eingehen will.

Das unvermeidliche „Nicht jeder Mann, aber immer ein Mann.“, „Schön, dass du auf unserer Seite bist.“ zu einem männlichen Kommentator, „Nie wieder werde ich einem Mann trauen“, sind nur ein paar Beispiele dafür. Kurz zusammengefasst war der Tenor: Männer sind Schweine, Gegner, die andere Seite.

Ich verstehe diese Wut und halte sie zu einem gewissen Grad auch für wichtig. Zu erkennen, dass etwas grundlegend schief läuft in unserer Gesellschaft ist ja der erste Schritt zur Veränderung.

Die ewige Suche nach den Schuldigen

Für schwierig halte ich es, wenn sich diese Wut hauptsächlich GEGEN etwas richtet, meist gegen die vermeintlich Schuldigen und dort stehen bleibt.

I mean, das ist ein Spiel, das wir alle nur zu gut kennen: Schon von Kindesbeinen an geht es immer (nur) darum, einen Schuldigen zu finden.

Hat man den, kann man womöglich auch noch jemanden bestrafen oder zu einer ‚Entschuldigung‘ nötigen, ist die Sache zufriedenstellend gelöst. Puh! Die Ordnung wurde gewahrt, Gut und Böse klargestellt und weiter geht’s.

Jetzt mal ein Gedankenspiel:

Was wäre, wenn es aus einem größeren Zusammenhang betrachtet gar keine ‚Schuldigen‘ gäbe? Oder wenn es aus menschlicher Sicht zumindest nicht in erster Linie um die Feststellung und Zuweisung von Schuld ginge?

Um nicht missverstanden zu werden:

Natürlich ist es eine traurige Tatsache, dass Menschen, überwiegend Männer, im Alltag auf ganz verschiedenen Ebenen zu Tätern werden, und andere, oft Frauen, zu ihren Opfern. Und es ist erwiesen, dass vielen dieser Taten Frauenhass zugrunde liegt.Das muss ganz klar so erkannt und benannt werden.

Die Konzentration auf die Schuldsuche und das Anprangern alleine der Männer machen eine echte Annäherung an die zugrundeliegenden Ursachen, und vor allem deren Überwindung auf größerer Ebene, jedoch fast unmöglich.

Denn Frauenfeindlichkeit ist ein strukturelles Problem. Das genau wie Rassismus, Imperialismus oder Ableismus auf der Abwertung anderer beruht, auf einem hierarchischen Denken, das sehr lange schon unser Zusammenleben bestimmt und gewisse Herrschaftsverhältnisse (kurz: Privilegien) sichern soll.

Was bedeutet strukturell ganz konkret?

Auch ich bin in Teilen misogyn, rassistisch und ableistisch. Also nicht, dass ich das so sehen würde. Ich halte mich für absolut woke. Aber genau die unbewussten Anteile, die ich selbst (noch) nicht erkennen kann oder wahrhaben will, sind ja das Problem.

Es wäre vermessen, anzunehmen, dass ich diesen mich prägenden Strukturen entkommen wäre.

Ist es also nicht ebenso vermessen und zudem realitätsfremd, es als Ausnahme oder persönliches moralisches Versagen zu betrachten, wenn Menschen gemäß dieser Strukturen handeln und damit auch oft durchkommen? 

Zu erkennen und zu akzeptieren, dass etwas so ist, wie es ist, heißt übrigens nicht, es gutzuheißen oder dass es für immer so bleiben muss. Diese schonungslose Annahme ist jedoch die Grundlage für echte, nachhaltige Veränderung.

In meiner inneren Arbeit stoße ich immer wieder auf solche Anteile in mir, die meist hinter Angst, Wut, Hilflosigkeit, Schuld oder Scham darauf warten, entdeckt zu werden. Ich bin oft selbst überrascht, welche archaischen Muster in mir noch am Werk sind, die so gar nicht zu meinem Selbstbild passen, aber unbewusst mein Menschenbild und meine Entscheidungen beeinflussen. 

Indem ich diese Gefühle anerkenne und ‚durchfühle‘, kann ich sie integrieren. Sie sind ein Teil von mir, von meiner Geschichte. Sobald ich das akzeptiere, habe ich die Wahl, wie ich in Zukunft damit umgehen will. Und nein, solche Muster lösen sich nicht einfach auf, sie sind recht hartnäckig. Aber wenn ich die Verantwortung dafür übernehme und sie nicht länger verdrängen muss, wächst mein Handlungsspielraum. 

Und übrigens auch mein Verständnis für andere, weil ich ihren Struggle erkennen kann und nicht automatisch davon ausgehe, dass sie böse und berechnend sind. Ich bekomme dadurch ein immer tieferes Verständnis für unser Mensch-Sein, the good, the bad & the ugly.

Wie erfahren wir unser Mensch-Sein mit all seinen Widersprüchen?

Und da kommen wir als Gesellschaft auch wieder ins Spiel. Wenn bestimmte Verhaltens- oder Denkweisen dermaßen tabuisiert sind, weil sie als moralisch schlecht, böse oder abartig bewertet werden, bleibt vielen Menschen gar keine andere Wahl, als diese Anteile gaaaanz weit wegzuschieben, damit sie ja nur nicht an die Oberfläche kommen.

Verhängnisvollerweise bekämpfen wir solche unterdrückten Anteile dann gerne im Außen, in anderen.

Auch hier vorsichtshalber der Disclaimer:

Ich spreche nicht davon, dass es ok oder akzeptiert sein sollte, alles auszuleben, was uns innerlich so umtreibt. Aber wenn ich nicht darüber sprechen kann oder es mir noch nicht einmal mir selbst gegenüber eingestehen kann, weil ich solche Angst vor (Selbst-)Verurteilung habe, ist das der Nährboden für all das Leid, das wir auf der Welt sehen.

Womit wir wieder bei der Wut wären, die jetzt so laut wird. Gehen wir mal weg vom Täter (und hoffen, dass sich die spanische Justiz der Sache annimmt).

Gehen wir auch mal weg von Collien Fernandes, die übrigens sehr wenig davon hat, wenn wir jetzt alle darin einstimmen, was für ein Monster ihr Ex-Mann und Vater ihres Kindes ist, und dass wir es ja schon immer geahnt haben, das mit dem Typen was nicht stimmt.

Schauen wir mal bei uns selbst hin. Wir spüren diese Wut, weil sie ja auch was mit unserem eigenen Leben zu tun hat. Wir kennen dieses Gefühl, herabgesetzt, hintergangen, ja, vielleicht sogar missbraucht zu werden. 

Fragen über Fragen – persönlicher Art

  • Wo müssten wir klarere Grenzen setzen, wenn wir uns selbst wirklich ernst nähmen?
  • Wo zeigt sich dieser Frauenhass – vielleicht auch nur unterschwellig – in unserem Leben und wo könnten wir selbst aktiv dagegen angehen, auch wenn das sehr viel Mut erfordert?
  • Nicht durch Anfeindung und Schuldzuweisungen, sondern durch konsequentes Benennen, Einfordern und gegebenenfalls auch durch das Beenden von Beziehungen?
  • Wo erwischen wir uns dabei, andere Frauen zu beurteilen, abzuwerten oder zu verurteilen (Schlampe, Müsli-Muddi oder karrieregeil, zu fett, zu alt, alles fake, oberflächliche Plastik-Barbie)?
  • Wo leben wir selbst Rollenklischees, fordern sie sogar ein, wie z.B. ein „Princess-Treatment“ oder wo kokettieren mit Sätzen wie „Ach, irgendwie stehe ich halt doch auf die Bösen, hihihi“?
  • Wie gehen wir mit unseren Töchtern und Söhnen um, welche Erwartungen haben wir an sie und welche Ziele haben wir für sie?
  • Und wo merken wir, dass wir diesen Frauenhass so sehr internalisiert haben, dass er sich als Selbsthass äußert?
  • Dass er unser Verhältnis zu unserem Körper beeinträchtigt?
  • Dass unsere Lebensentscheidungen auf Annahmen beruhen, die nicht unsere eigenen Werte spiegeln, sondern unseren patriarchalen Prägungen entsprechen?

Das ist ganz und gar nicht die „ja, du bist halt eigentlich selbst schuld-Schiene“.

Es geht hier nicht um Schuld, sondern um Verantwortung.

Wo in meinem Leben kann ich durch Selbsterkenntnis und Selbstannahme meine Verstrickungen innerhalb dieser -letzten Endes menschenfeindlichen- Strukturen erkennen und mich davon lösen? 

Die Guten und die Bösen – auf welcher Seite stehst du?

Aus meiner Sicht gibt es hier keine Seite, die es zu wählen gilt. Männer gegen Frauen, das schlösse alle nicht-binären Menschen automatisch aus und funktioniert schon alleine deshalb nicht, Gut gegen Böse gibt es ja wohl nur im Märchen.

Kein Mann ist ein Monster. Auch Täter sind Menschen. Das heißt nicht, dass man sie gewähren lassen sollte oder dass sie straffrei davon kommen dürfen.

Für mich steht aber fest, dass Entmenschlichung uns allen nicht gerecht wird und einen klaren Blick auf die eigentlichen Ursachen verhindert.

Ich weiß, dass das alles unheimlich schwer ist, schmerzvoll auch, dass es viel Zeit und Kraft erfordert, die wir im Alltag oft nicht haben.

Sich einer wütenden Menge anzuschließen, verschafft uns kurzfristig ein Gefühl der Erleichterung, der Solidarität und vielleicht sogar ein Gefühl der Wirkmacht, die wir in unserem eigenen Leben so sehr vermissen.

Dadurch können wir unseren Gefühlen Raum geben und es kann etwas in Bewegung kommen. 

Die Wut allein ändert nichts an den in uns allen wirksamen Strukturen.

Sie macht aber deutlich, dass wir uns in unserem Mensch-Sein eigentlich nicht mehr von menschenfeindlichen Strukturen beschränken lassen wollen und vielleicht nur noch nicht so recht wissen, wo wir ansetzen können. 

PS: Was hättest du übrigens dem Hundebesitzer geantwortet?

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