carolin weise · allconsciousness-ish philosopher · systemrelevante biografiearbeit

Haha, wie mich das Finanzamt immer wieder gepusht hat…

(Aber wahrscheinlich anders, als du jetzt denkst)

Im September 2020 habe ich die Ausbildung Empathische Biografiearbeit begonnen. Es war ein Mutausbruch, ein Neuanfang aus einer verzwickten persönlichen Sackgasse heraus.

Ich mach das nur für mich, hab ich mir (und anderen) immer gesagt.

Ganz tief in mir drin war aber halt schon der Wunsch, irgendwann dem Lehrerinnen-Dasein entkommen zu können und im Coaching-Bereich was zu machen.

Jaja, genau das hab ich damals auch gedacht: wie alle halt. Und wer bin ich überhaupt, anderen was vom Leben zu erzählen?!

Als ich dann die (ziemlich hohen) Kosten von der Ausbildung von der Steuer absetzen wollte, meinte die Dame vom Finanzamt, als Lehrerin ginge das nicht, aber wenn ich die Ausbildung gemacht hätte, um mich damit selbstständig zu machen, dann wäre das eine Möglichkeit. Upsi, mich selbstständig machen?! Mein Herz so: Jaaaaaaa! Und wenn sie meint, das ginge so einfach (neben meinem Haupt-Beruf), why not? Sie schickte mir umgehend meine neue Steuernummer.

Yeah! Wie krass! Danke, liebes Finanzamt.

Puh, aber die ersten Jahre liefen schwierig. Neben meiner nervenraubenden Lehrerinnen-Tätigkeit und kleinem Kind stürzte mich in weitere Fortbildungen (Sachen wie: Raus aus der Schule, rein ins Business!, Wie gründe ich? Was ist mein Purpose? Wie kann ich mein Business als Bloggerin besser vermarkten?  Visitenkarten, Flyer, erste kleine Angebote, ein Yoga-Coaching-Wochenende. Keine Anmeldungen).

Im Nacken damals schon immer: Das Finanzamt. Die Steuervergünstigung war quasi nur unter Vorbehalt, sollte sich mein Business als ‚Liebhaberei‘ herausstellen, würde alles wieder zurückgefordert. Schon alleine deshalb setzte ich gar nicht alles ab, was ich ins ‚Business‘ pulverte. Einkünfte in diesen ersten beiden Jahren: plus minus Null.

Dann der große Schritt: Nach einem deutlichen Signal meiner Körperin (you may call it BURN OUT) und rund einem dreivierteljahr Stecker raus, ließ ich Schule und Beamtentum hinter mir, um mich ganz meinem ‚Business‘ zu widmen.

Wild entschlossen und voller Elan. Dieser mutige Schritt musste doch umgehend belohnt werden?! Universum und so?

Hihi, nö. Es folgte erstmal die Erkenntnis, dass ich im gleichen ‚Leistungsdenken‘ gefangen war, das mich ja davor schon an die Grenzen meiner Belastbarkeit führte. Aber hatte ich wirklich ‚alles‘ (Sicherheit, Geld, maybe soziale Anerkennung) aufgegeben, um genauso weiterzuknechten?!

Und dann wieder meine Körperin: üble Nebenhöhlenentzündung, Rückzug ins Innere, was anderes blieb mir gar nicht übrig. Alle Ängste confronten, die so auftauchten. z.B.  massiv: Existenzangst. Wer bin ich ohne Geld? Wer bin ich ohne einen anerkannten ‚Job‘? Was, wenn meine Entscheidung wahnsinnig war und ich den Bezug zur Realität verliere?

Moment! Was ist Realität eigentlich? Wie wird die gebildet? Wie sind wir zu diesen patriarchalen, imperialistischen, hierarchischen Strukturen gekommen und warum sind die so hartnäckig am Gewinnen, obwohl sie so menschenfeindlich sind?

Und wie siehts eigentlich mit deinen spirituellen Bedürfnissen aus, liebe Lili? Kannst du mal deine alten Vorstellungen, die ja vor westlicher Überheblichkeit triefen, überdenken? Kannst du deine religiöse Vergangenheit überwinden, ohne dass du im Nachhinein dagegen haten musst? Kannst du den roten Faden erkennen und dich wirklich frei machen für ein ‚Allbewusstsein‘? 

Yeah! Aber auch hier wieder zuerst: viele Ängste, viel innere Arbeit.

Ok, zurück zum Finanzamt: Gewinnabsichten hatte ich immer, schließlich stand fest, dass ich nicht mehr ‚zurück‘ will in irgendeine Festanstellung. Und von irgendwas muss ich ja leben. Aber mir war meine innere Entwicklung wichtiger und es war klar, um da weiterzukommen, kann ich mich nicht verkaufen, kann ich auch den Wert meiner Arbeit nicht von betriebswirtschaftlichen Überlegungen abhängig machen.

Dann, vor zwei Wochen, traf das ein, was ich die ganzen Jahre gefürchtet hatte: eine Prüfung der Gewinnerzielungsabsicht flatterte ins Haus. Da war das Finanzamt wieder in meinem Leben.

Und meine Körperin: Schockstarre, Panik, das ganze alte Programm zuerst mal. Ich hab was falsch gemacht, ich bin irre, wie soll ich das erklären, was ich da scheinbar so erfolglos tue? 

Und dann nahm ich auch diese äußere Erfahrung, wie alle anderen, als Impuls für meine innere Arbeit, überprüfte meine Ausrichtung, mein Commitment – und war mir danach klarer als zuvor, dass ich genau richtig bin, so wie es gerade ist. Dass ich niemals an diesen Punkt gekommen wäre, wenn ich mich nicht diesen ganzen Ängsten gestellt hätte. Schrieb eine Stellungnahme, voll naiv, von Mensch zu Mensch, erklärte meine Haltung, meine Entwicklung, ließ los.

Gestaltete meine Homepage neu, hatte noch klarer vor Augen, wie ich meine inneren Erkenntnisse in die Welt bringen will und ging davon aus, dass das Leben schon für mich regeln würde.

Gestern dann: Anhörung gemäß § blabla, no mercy, das ist doch nur Liebhaberei, da steckt doch keine betriebswirtschaftliche Ernsthaftigkeit dahinter, tralala. 

Haha, der Moment, den ich all die Jahre am meisten gefürchtet hatte, war nun eingetroffen (noch nicht ganz, ich habe nochmal die Möglichkeit, Stellung zu nehmen, und das werde ich auch ganz ernsthaft machen, denn: Ich bin sowas von überzeugt, dass ich meine Weg gehe, weniger selbstständig als freiberuflich, möglicherweise betriebswirtschaftlich fragwürdig.)

Aber hey, hier geht es nur um Geld. Und um Strukturen, die uns eigentlich Sicherheit geben sollten (das Finanzamt dient uns ja, soll ja unsere Steuern sicher verwalten und Betrug entgegenwirken), die sich ad absurdum ins Gegenteil verkehrten (wir sind die Untertanen des Finanzamts, Hauptverdächtige, je kleiner und unbedeutender, desto härter wird vorgegangen).

Ich lasse wieder los, spüre meine innere Autorität noch deutlicher.

Aber danke, liebes Finanzamt. Ehrlich. Jede Irritation, jede Angst führt mich näher zu mir selbst. Mein Existenzrecht, meine Würde ist mittlerweile so tief verkörpert, dass mich der Brief gestern kaum mehr tangierte. 

Ja, ich werde darauf reagieren, ja, ich werde versuchen, meine Gewinnerzielungsabsichten nachzuweisen und seriös darzulegen, wie ich weitermachen möchte.

Aber ich lasse mich davon nicht einengen oder zurückhalten – im Gegenteil, es hat sich wieder was gelockert in mir. Mein Leben hängt nicht (mehr) davon ab, in ein betriebswirtschaftliches Konzept zu passen.

That’s what I call Systemrelevante Biografiearbeit.

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