Mit menschenfeindlichen Tendenzen umgehen, ohne selbst zum Menschenfeind zu werden
Gestern schrieb ich: „Und erst, wenn wir uns diesen Raum selbst zugestehen, wenn wir unser Mensch-Sein wirklich begreifen, werden wir auch mit den anderen von Herzen wohlwollend umgehen, oder?“
Das klingt – wenn es so für sich steht – doch sehr nach barmherzigem Samariter, nach Licht und Liebe, nach ‚…dann halte die andere Wange halt auch noch hin‘. Und kann in Zeiten, in denen faschistische Tendenzen Überhand zu nehmen drohen, gründlich missverstanden werden.
Unsere kollektive Vorstellungskraft scheint nämlich nur zwei Extreme zu kennen:
Entweder Hingabe und Akzeptanz aus lauter Liebe oder Kampf und Abwertung in alle Richtungen.
Dabei ist meine Erfahrung eine andere:
Wenn ich mir meiner menschlichen Bedürfnisse bewusster werde und mich für keines davon schämen muss, werde ich auch viel aufmerksamer dafür, wann grundlegende Bedürfnisse durch bestehende oder sich verändernde Strukturen bedroht werden. Wann Menschenrechte und Menschenwürde – meine eigene(n) und die anderer – in Gefahr sind.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir eine immer klarere Vorstellung von unserem Wert und unseren Werten bekommen.
Damit wir entschieden dafür eintreten können.
Damit wir auf vermeintliche Bequemlichkeiten verzichten können, die durch die Hintertüre Demokratieverlust und Abhängigkeit bringen.
Damit wir Hass und Hetze nicht als Lösung empfinden, sondern als billige Manipulation erkennen können. Aber halt nicht, weil es uns jemand sagt, sondern weil wir es tief in uns als Wahrheit spüren.
Mir meines Mensch-Sein bewusst zu sein, heißt nämlich auch, meine Ängste anzuerkennen und mich darum zu kümmern – und nicht auf andere zu projizieren.
Wut und Hilflosigkeit wahrzunehmen, anstatt sie wegzudrücken oder mit Doomscrolling, hektischem Aktivismus, Substanzmissbrauch, […] zu betäuben.
Das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung ernst zu nehmen und immer nachhaltigere Möglichkeiten zu finden, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Weil das Leben ‚halt nicht einfach so ist‘, sondern das ein Symptom von Late-Stage-Kapitalismus darstellt.
Mir in meinem Mensch-Sein bewusst zu sein, heißt auch, mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft nicht länger darüber bedienen zu müssen, um keinen Preis auf- oder aus der Rolle zufallen, sondern immer besser zu spüren, was echte Verbindung ausmacht.
Andere wohlwollend zu betrachten, bedeutet für mich, sie nicht zu entmenschlichen oder herabzuwürdigen, auch wenn sie selbst das mit anderen tun.
Und gleichzeitig, falls nötig, weder aus Angst noch aus Gleichgültigkeit davor zurückzuschrecken, mich entmenschlichendem Verhalten entgegenzustellen.
Fällt dir noch was ein?